Sackgasse Alkohol? – Es gibt Hilfe!

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Kontrolliertes Trinken

Obwohl sich die Fachleute nach wie vor darin einig sind, dass die Abstinenz in der Regel der einzig wirklich erfolgversprechende Weg aus der Alkoholabhängigkeit ist, wird bereits seit den frühen siebziger Jahren immer wieder auch das «kontrollierte Trinken» als mögliche Zielsetzung nach einem stationären Aufenthalt diskutiert. Die renommierte Forel Klinik in Ellikon a.d. Thur ist nun im Rahmen einer breit angelegten internen Studie erstmals der Frage nachgegangen, inwiefern es ehemaligen stationären Patientinnen und Patienten tatsächlich gelungen ist, nach der Therapie den Alkohol wieder «in den Griff» zu bekommen und ein kontrolliertes Trinkenverhalten zu entwickeln. Insgesamt sind 669 Personen mit einem Durchschnittssalter von 44 Jahren untersucht worden, welche zwischen 1987 und 1995 in der Klinik in Behandlung waren.

Jede(r) Zwanzigste bekommt es wieder «in den Griff»
Die Befragung der ehemaligen Patientinnen und Patienten durchschnittlich rund 2 Jahre nach dem Klinikaufenthalt hat in Bezug auf den Therapieerfolg folgendes Ergebnis hervorgebracht: Von den 669 Befragten waren 39% (263) total-abstinent. Weitere 13% lebten seit mindestens sechs Monaten vor der Befragung (wieder) abstinent, und 27% konsumierten mässig Alkohol, konnten jedoch den strengen Kriterien des kontrollierten Trinkens nicht genügen. Den kontrolliert Trinkenden, welche die folgenden Kriterien zu erfüllen hatten, konnten schliesslich 6% der Untersuchten (39) zugeordnet werden:

Pro Tag maximal zwei Standarddrinks (SD) bei Frauen und drei bei Männern (1 SD = 3 dl Bier oder 1 dl Wein)

Nur bei insgesamt 15% der befragten ehemaligen Patientinnen und Patienten der Forel-Klink musste rund zwei Jahre nach der Behandling ein deutlich negativer Alkoholkonsum-Verlauf festgestellt und die Behandlung damit als nicht oder kaum erfolgreich eingestuft werden.

Fazit: Kontrolliertes Trinken gibt es!
Die Untersuchung an der Forel Klinik hat eines gezeigt: Der Anteil der kontrolliert Trinkenden ist mit knapp 6% zwar nicht riesig, liegt aber auch nicht bei null. Immerhin gut jede(r) zwanzigste ehemals Abhängige hat es geschafft, wieder zu einem massvollen Umgang mit Alkohol ohne Abhängigkeit zurückzukehren.

Prof. Dr. phil. Martin Sieber, Psychologe der Forel Klinik in Ellikon a.d. Thur und Co-Autor der Studie «Kontrolliertes Trinken nach stationärer Behandlung», nimmt im Folgenden Stellung zu Fragen nach der Bedeutung dieser Untersuchungsergebnisse für die therapeutische Praxis.

Die Studie zeigt: Kontrolliertes Trinken gibt es. Ist das Dogma «Einmal Alkoholiker – immer Alkoholiker» damit gefallen?

Dr. Martin Sieber: Es gibt nicht «den Alkoholiker», so wie es etwa Blauäugige oder Brillenträger gibt. Aber es gibt Personen mit unterschiedlichem Grad einer Alkoholabhängigkeit, die sich im Laufe der Zeit ändern kann. Ein Teil dieser Alkoholabhängigen kann den Weg zum «kontrollierten Trinken» finden; das ist aber eher die Ausnahme. Wird eine Person rückfällig, entsteht beim Betroffenen und bei den Angehörigen Rat- und Hilflosigkeit. Das führt dann zum Dogma «einmal Alkoholiker – immer Alkoholiker». Diese Generalisierung ist jedoch nicht richtig, weil sie sich nur an den Rückfälligen orientiert.

Welche Schlussfolgerungen für das Therapieangebot der Forel Klinik ziehen Sie aus den Ergebnissen der Nachuntersuchung?

Dr. Martin Sieber: Die Studie bestätigt unsere bisherige Position, wonach wir das «kontrollierte Trinken» für die PatientInnen der Forel Klinik nicht empfehlen können, sondern die Abstinenz als langfristiges Ziel vertreten. Ferner ist zu beachten, dass die Zeit nach der Entlassung der denkbar ungünstigste Zeitpunkt ist, das kontrollierte Trinken einzuüben, da der Wechsel von der Abstinenz in der Klinik in die Härte der Realität mit all ihren alten und neuen Risikosituationen eine grosse «Feuerprobe» darstellt. Wenn eine Person jedoch ausdrücklich dieses Ziel wählt, wird sie in ihrem Entscheid ernst genommen.

Welche Anforderungen sollte ein Patient/eine Patientin unbedingt erfüllen, damit die Zielsetzung «kontrolliertes Trinken» als Option überhaupt in Erwägung gezogen werden kann?

Dr. Martin Sieber: Wenn in einem Stufenprogramm, das schriftlich mit einer Fachperson festgelegt wird, eine Abstufung von Totalabstinenz zu Teilabstinenz mit sehr geringem Konsum formuliert wird und die Person dieses Programm genau einhalten kann, ist es möglich, in einer nächsten Phase das kontrollierte Trinken einzuüben. Kann das Stufenprogramm jedoch nicht eingehalten werden oder bestehen andere Risikofaktoren (z.B. Gedanken, dass nach dem ersten Schluck die Gier nach noch mehr entsteht), dann ist es ratsam, das kontrollierte Trinken nicht einzuüben.

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Das Projekt wird durch den Nationalen Alkoholpräventionsfonds finanziert.