Sackgasse Alkohol? – Es gibt Hilfe!

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Hintergrund

Zwar hat die Mehrzahl der erwachsenen Schweizerinnen und Schweizer mit Alkohol keine Probleme – sie verzichten entweder ganz darauf (16%) oder trinken gemässigt (60%) –, doch mindestens jede(r) Fünfte (24%) hat den eigenen Alkoholkonsum auf die eine oder andere Weise nicht im Griff. Das heisst:

161 000 (3%) der 15- bis 74-Jährigen trinken chronisch zu viel (sog. Pegeltrinker)
912 000 (17%) trinken episodisch zu viel (sog. Risiko- oder Wochenendtrinker)
215 000 (4%) sind Risikokumulierende, die gewohnheitsmässiges Trinken mit sporadischen Alkoholexzessen verbinden.

Der Alkoholmissbrauch in der Schweiz ist jährlich mit gesellschaftlichen Folgekosten von mindestens drei Milliarden Franken verbunden. Zum Vergleich: Die Einnahmen aus den Alkoholsteuern liegen zur Zeit bei lediglich 400 Millionen Franken, und für den Kauf von alkoholischen Getränken geben Herr und Frau Schweizer jährlich rund acht Milliarden Franken aus.

Alkoholismus: Als Krankheit anerkannt…
Der stark verbreitete und gesellschaftlich häufig verharmloste Alkoholmissbrauch hat zur Folge, dass in der Schweiz rund 300 000 Personen (rund 6% der erwachsenen Gesamtbevölkerung) als alkoholgefährdet oder alkoholabhängig betrachtet werden müssen. Die Alkoholabhängigkeit ist heute weitgehend als Krankheit anerkannt, da es sich dabei um einen objektiv fassbaren Zustand des Körpers und der Psyche handelt, welcher vom Normalzustand abweicht und durch eine adäquate Behandlung behoben, gelindert oder zumindest vor einer drohenden Verschlimmerung bewahrt werden kann. Zudem scheint bei der Entstehung der Alkoholkrankheit neben persönlichen und sozialen Faktoren ebenfalls eine erbliche Komponente mitzuwirken, die für die Entwicklung einer Abhängigkeit prädisponiert. Die Krankenkassen übernehmen heute in der Regel die unmittelbaren Behandlungskosten der Folgen der Alkoholabhängigkeit. Werden zusätzliche Leistungen von der IV beansprucht, muss hingegen zur Abhängigkeit eine zusätzliche körperliche oder psychische Schädigung nachgewiesen werden.

Chronischer Alkoholmissbrauch führt in die Sackgasse!
Insbesondere der chronisch übermässige Alkoholkonsum und die damit verbundene körperliche und psychische Abhängigkeit führen viele Betroffene praktisch zwangsläufig in eine oft ausweglos erscheinende Sackgasse, und zwar in dreierlei Hinsicht:körperlich: andauernder Alkoholmissbrauch schädigt fast sämtliche menschlichen Organe – die Folge: ein schleichender physischer Abbau setzt ein; das körperliche Leistungsvermögen wird mehr und mehr eingeschränkt; verschiedene Organ- und Nervenschädigungen manifestieren sich immer stärker (u.a. Lebererkrankungen, Schädigungen des Herzkreislaufs, Störungen des zentralen und peripheren Nervensystems) und können schliesslich zum Tode führenpsychisch: alkoholbedingte Hirnschädigungen treten auf – die Folge: das Denkvermögen, die Auffassungsgabe, das Vorstellungsvermögen sowie die Gedächtnisleistung werden auf die Dauer stark beeinträchtigt; der Betroffene wird zunehmend unselbständig und schliesslich zum Pflegefallsozial: ohne Hilfe von aussen werden Partnerschaft, Familie und Freundeskreis durch alkohlbedingte Probleme häufig immer stärker in «Mitleidenschaft» gezogen – die Folge: Beziehungsprobleme häufen sich, nahestehende Menschen werden zu Co-Alkoholikern oder Co-Alkoholikerinnen (d.h. als verständliche Reaktion wollen sie Betroffenen helfen, indem sie ihnen die Situation zu erleichtern suchen und stützen gerade desdurch ihre Abhängigkeit) oder wenden sich resigniert gänzlich ab; Einsamkeit und Isolation manifestieren sich zunehmend und bei Betroffenen setzt schliesslich ein Prozess der körperlichen und sozialen Verwahrlosung ein

Ausweg aus der Sackgasse: Es gibt professionelle Hilfe!
Damit für Menschen mit Alkoholproblemen der Leidensweg nicht zwangsläufig in der Sackgasse endet bzw. damit sie wieder aus dieser herausfinden, ist in der Schweiz über viele Jahre hinweg ein Netz professioneller Hilfeleistungen aufgebaut worden, welches unterteilt werden kann in:
ambulante Angebote: auf Alkoholprobleme spezialiserte Beratungsstellen, sozialmedizinische und sozialpsychiatrische Dienste, polyvalente Dienste im Bereich der allgemeinen Sozialhilfe, Hausärzte und -ärztinnen etc.

stationäre Angebote: spezialisierte Alkoholfachkliniken, andere Fachkliniken im Suchtbereich sowie therapeutische Einrichtungen, andere stationäre Einrichtungen (Spitäler, psychiatrische Kliniken), Wohnheime und Arbeitseinrichtungen etc.Die stationären und ambulanten Angebote ergänzen sich zu einem umfassenden Hilfssystem für Menschen mit Alkoholproblemen, welches als Behandlungskette beschrieben werden kann:

1. Erstkontakt: Hausarzt oder -ärztin, Beratungsstelle oder sozialer DienstZiel: Vertrauen schaffen, für Behandlung motivieren

2. Entgiftung: 1 bis 3 Wochen in einer medizinischen oder psychiatrischen Klinik (z.T. neuerdings auch in Alkoholfachkliniken) Ziel: Körperlicher Entzug, Überwinden der Entzugssymptome

3. Therapie:  1 bis 8 Monate ambulant oder stationär in Alkoholfachklinik,in Alkohol-/Drogenfachklinik oder in psychiatrischer Klinik Ziel: Verhaltensänderung

4.  Nachbetreuung: Mehrere Jahre mit psycho-sozialer Hilfe einer ambulanten Gesprächsgruppe bzw. Selbsthilfegruppe oder im Wohnheim  Ziel: Wiederaufbau des sozialen Netzes, Integration in die Arbeitswelt, Erreichtes erhalten

Die beschriebene Behandlungskette verdeutlicht, dass Betroffene während ihres Gesundungsprozesses mehrere Etappen durchlaufen. Die Dauer der jeweiligen Behandlungsetappe hängt von der Schwere der Erkrankung ab. Es wird zudem deutlich, wie viele verschiedene Stellen bei der Behandlung der Alkoholabhängigkeit einbezogen sein können.

Flächendeckendes ambulantes Angebot…
Das ambulante Behandlungsangebot im Suchtbereich ist hierzulande gut ausgebaut. Gesamtschweizerisch bieten gegen 80 auf Alkoholprobleme spezialisierte Beratungsstellen sowie rund 90 Stellen der allgemeinen Sozialhilfe ihre beratenden, vermittelnden und teilweise auch therapeutischen Dienste an. 1997 haben gemäss der «Statistik der ambulanten Behandlung und Betreuung im Alkohol- und Drogenbereich (SAMBAD)», welche rund 60% aller ambulanten Einrichtungen in der Schweiz erfasst, von den insgesamt über 5600 neuen Beratungsaufnahmen wegen Suchtproblemen knapp 60% den Alkohol betroffen.

Beratungsstellen: Von der Paar- bis zur Finanzberatung…
Rund ein Drittel der spezialisierten ambulanten Beratungsstellen im Alkoholbereich haben einen Träger oder eine Trägerin öffentlichen Rechts (Kanton, Gemeinde, Staatskirche oder Gemeindeverband), die übrigen zwei Drittel sind privatrechtlich strukturiert (Stiftungen, Vereine usw.). Von Letzteren sind wiederum zwei Fünftel Beratungsstellen des Blauen Kreuzes, welches als grösste Schweizerische Abstinentenorganisation ein besonders breites Angebot an ambulanten und teils auch stationären Hilfeleistungen für Betroffene und deren Angehörige aufrechterhält. Im Verlauf einer ambulanten Beratung werden folgende Massnahmen am häufigsten ergriffen:

- Einzelberatungen (86%)
- Einzelpsychotherapie (14%)
- Information / Motivation (84%)
- Gruppenarbeit (14%)
- Paarberatung (23%)
- Antabusbehandlung (13%)
- Krisenintervention (18%)
- Stationäre Platzierung (13%)
- Nachbetreuung nach stationärer Behandlung (16%)
- Finanzberatung (12%)

Hausärzte und -ärztinnen als wichtige Vertrauenspersonen…
Schliesslich haben ebenfalls die Hausärzte und -ärztinnen eine wichtige Funktion bei der (Früh)Erkennung und ambulanten Behandlung von Alkoholproblemen. Sie bemerken häufig als erste Instanz aus dem professionellen Bereich bei ihren Patientinnen und Patienten eine mögliche Alkoholproblematik oder werden von Betroffenen und/oder deren Angehörigen als Vertrauensperson als Erste darauf angesprochen. Den Hausärzten und -ärztinnen obliegt es daher in vielen Fällen, bei Menschen mit Alkoholproblemen das Bewusstsein für die schwerwiegenden Folgen ihres (oft verleugneten) selbstschädigenden Verhaltens zu wecken, sie für eine Behandlung zu motivieren und erste Schritte für weitere ambulante oder stationäre Massnahmen einzuleiten.

Jährlich 33 000 in stationärer Behandlung…
Im stationären Bereich gibt es in der Schweiz über 60 Einrichtungen mit unterschiedlichen Angeboten für Menschen mit Alkoholproblemen. Ein gutes Drittel davon (insgesamt 22) sind Alkoholfachkliniken, Spitäler und Psychiatrische Kliniken. Die zehn therapeutischen Deutschschweizer Kliniken, welche der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft der Kliniken und Rehabilitationszentren für Alkohol- und Medikamentenabhängige (SAKRAM) angehören, verzeichnen jährlich rund 700 Neueintritte. Insgesamt werden jährlich rund 33 000 Alkoholabhängige stationär behandelt: 25 000 in Spitälern, 7000 in psychiatrischen Kliniken und rund 1000 in Alkoholfachkliniken.

Stationäre Alkoholtherapie: Unterschiedliche Methoden und Ansätze…
Ist der körperlichen Entzug erst einmal durchgestanden, vollzieht sich die eigentliche Suchtbehandlung in der Regel in spezialisierten Alkoholfachkliniken, in anderen Fachkliniken im Suchtbereich oder in Psychiatrischen Kliniken. Sie alle verfolgen das gleiche Ziel, nämlich die Betroffenen dabei zu unterstützen, sich von ihrer körperlichen und psychischen Alkoholabhängigkeit zu befreien und erste Schritte hin zur sozialen und beruflichen Reintegration zu machen. Das therapeutische Angebot kann sich jedoch je nach methodischer Ausrichtung der Klinik an unterschiedlichen therapeutischen Ansätzen orientieren: z.B. Gesprächstherapie, Verhaltenstherapie, Gestalttherapie, Familientherapie bzw. systemische Ansätze. Auch die medikamentöse Therapie gewinnt auf dem Hintergrund neuer Forschungserfolge zunehmend an Bedeutung (siehe «Medikamente in der Alkoholbehandlung»). Schliesslich wird den kreativen und sportlichen Aktivitäten zur Verbesserung des allgemeinen Wohlbefindens sowie des Körpererlebens der Patientinnen und Patienten ein hoher Stellenwert beigemessen.

Nachbetreuung: In Wohnheimen und Arbeitseinrichtungen oder ambulant… Wohnheime und Arbeitseinrichtungen bilden schliesslich als letztes Glied in der stationären Behandlungskette die Übergangsstation zwischen Klinik und Aussenwelt. Hier sollen die Betroffenen mit Hilfe eines betreuenden und unterstützenden Umfelds schrittweise an das Ziel herangeführt werden, in Gesellschaft und Berufswelt wieder selbständig Fuss zu fassen, ohne Rückfall in die Alkoholabhängigkeit. Die Nachbetreuung vollzieht sich noch häufiger im ambulanten Rahmen, d.h. die Betroffenen leben nach dem Klinikaufenthalt in ihrer eigenen Wohnung, werden aber von Beratungsstellen und sozialen Diensten begleitet und von Gesprächs- und Selbsthilfegruppen gestützt.

Behandlungskette: Einbezug des sozialen Umfeld unumgänglich…
Der Alkoholismus ist nicht zuletzt eine soziale Krankheit. Probleme in Partnerschaft und Familie, Schwierigkeiten am Arbeitsplatz, Stress, Einsamkeit und Isolationsgefühle sind nicht selten wichtige Ursachen für den immer häufigeren Griff zum Glas. Alkoholkranke Menschen kranken nicht nur an sich selbst, sondern häufig ebenso an ihrer Umwelt. Damit der Alkohol nicht zur endgültigen Sackgasse wird, reicht es daher nicht aus, einfach das Individuum therapieren zu wollen. Lebenspartnerinnen und -partner, nahe Angehörige, Freundinnen und Freunde sowie Arbeitgeber müssen in die Behandlungskette miteinbezogen werden, um schliesslich ein möglichst gesundes Umfeld schaffen zu können, welches dem Betroffenen auch nach der Klinikentlassung das Leben «ohne» erleichtert oder den Alkohol gar gänzlich «überflüssig» macht.

Multidisziplinarität als Schlüssel zum Erfolg…
Die Alkoholabhängigkeit ist eine Krankheit mit vielen Facetten, Ursachen und Folgen. Dementsprechend muss eine erfolgreiche Behandlungskette multidisziplinär angelegt sein. Die Kompetenzen von Mediziner/innen, Psychiater/innen und Psychologen/innen, Sozialarbeiter/innen, Amtspersonen, weiteren Fachpersonen und – nicht zuletzt – von Laienhelfer/innen müssen in bestmöglicherweise ineinandergreifen und sich ergänzen. Gerade dies kann nur ein professionnell strukturiertes und organisiertes Hilfssystem garantieren, wie es in der Schweiz in den vergangenen Jahren aufgebaut worden ist. Dass z.B. Alkoholfachkliniken erfolgreiche Arbeiten leisten, zeigt eine neue Behandlungsstudie der renommierten Forel-Klinik in Ellikon a.d. Thur (siehe «Kontrolliertes Trinken nach Alkoholtherapie: Option oder Illusion?»)

Quellen:
- Repräsentativbefragung im Rahmen der BAG-Präventionskampagne «Alles im Griff», November 1998- «Zahlen und Fakten 1999», SFA Lausanne
- «Alkohol, Tabak und illegle Drogen in der Schweiz 1994-1996», SFA Lausanne
- «Ambulante Suchtberatung», SFA Lausanne 1997

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Das Projekt wird durch den Nationalen Alkoholpräventionsfonds finanziert.